Nun soll es also so weit sein. Nach jahrelangen, zähen Verhandlungen mit dem MVV soll auch München ein Semesterticket bekommen. Wenn die Studenten es denn wollen. Halt! Wenn die Studenten es wollen? Seit 1992 sollen sie für etwas gestritten haben, mit dem Stadtrat, dem Freistaat Bayern, und nicht zuletzt dem MVV (dessen Gesellschafter übrigens die Stadt München, der Freistaat Bayern und die im Verbundraum liegenden Landkreise sind), und jetzt könnten sie es nicht haben wollen?
Da beißt sich die Katze doch selbst in den Schwanz, mag der ein oder andere jetzt denken. Doch die Gründe für eine mögliche Ablehnung liegen bei vielen Studenten nicht im Semesterticket selbst, sondern in dem vom MVV gemachten Angebot dazu. Über dieses Angebot kann seit dem 23. November bist heute Mitternacht, den 04.12.2009, online abgestimmt werden. Die Mindestbeteiligung pro Hochschule liegt bei 20 Prozent, ab dieser Beteiligung an den Hochschulen ist das Ergebnis also verpflichtend.
Das Angebot sieht vor, dass ein verpflichtender Sockelbeitrag von 78,50 Euro pro Semester bezahlt werden muss. Freundlicherweise steht dahinter in Klammern: „Eingeschränkte Nutzung“. Was die Studierendenvertretung, die das Paket weitestgehend ausgehandelt hat, und der MVV als eingeschränkte Nutzung bezeichnen, soll nicht unerwähnt bleiben. Wer „nur“ den Sockelbeitrag von 78,50 Euro zahlt, ob er will oder nicht, weil er bei positiver Abstimmung verpflichtend ist, darf von Montag bis Freitag das Gesamtnetz des MVV nutzen: Von 18 Uhr bis 6 Uhr, und das ist kein Tippfehler. Dazu am Wochenende und an Feiertagen ganztags.
“Partyticket”
Nachdem bekanntermaßen die meisten Vorlesungen nicht zwischen 18 Uhr und 6 Uhr morgens stattfinden, von den Feiertagen und Wochenenden mal ganz abgesehen, ist das Semesterticket insoweit also für studentische Zwecke untauglich. Bezüglich des Leistungsumfanges, den man nach Zahlung des Sockelbeitrags vom MVV erhält, empfiehlt sich daher wohl eher der Name Partyticket.
Zu den Hauptverkehrszeiten sollen Studenten bitte nicht fahren, in den weniger frequentierten Zeiten dazwischen schon, wenn es denn sein muss. Ob die U-Bahn nachts leer fährt, oder ein paar Studenten darin sitzen, für 78, 50 Euro im Semester ist das für den MVV offensichtlich ok, wie es scheint.
Um dem ganzen ein wenig mehr Sinn zu geben, kann man für einen Aufpreis von 143,50 Euro pro Semester das MVV-Gesamtnetz uneingeschränkt nutzen. Möchte man vor 18 Uhr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Uni fahren, muss man diesen “freiwilligen” Aufpreis wohl zahlen. Sparen können sich diesen wohl nur jene, die auf Vorlesungen pfeifen, lieber nachts durch die Gegend fahren oder wenn, dann mit dem Auto zur Uni fahren. Alle anderen werden wohl ein Ticket brauchen, das auch zwischen 6 Uhr und 18 Uhr gilt.
Nachlesen kann man das auf der Seite www.Semesterticket-muenchen.de. Dort findet man unter „Fragen und Antworten“ die Bemerkung:
Die mit dem Sockelbeitrag verbundene Leistung ist ein Ausgleich für die Solidarleistung aller Studierenden, aus der sich die Nutzung zu Nebenzeiten ergibt. Der Sockelbeitrag muss in Verbindung mit den freiwilligen Aufpreis betrachtet werden – die Nutzung zu Nebenzeiten sind nicht Sinn und Zweck des Modelles, nur Sockel und Aufpreis ergeben zusammen das Semesterticket.
Soll heißen: Das Modell war nie anders angelegt und gedacht, als den Studenten 222 Euro zu berechnen, wovon jedoch 143,50 Euro „freiwillig“ sind. Herrlich!
Nur die Hälfte würde profitieren
Laut MVV und Studierendenvertretung könnte dann also fast die Hälfte der Studenten billiger fahren (http://www.semesterticket-muenchen.de/blog/ , dort unter Pressemitteilungen). Ermöglicht werde dies “durch den Solidarbeitrag aller Studierenden in Form des Sockels”. Rechnet man nach, so stellt man fest, dass sich der Preis von 222 Euro erst lohnt, wenn man bisher mindestens 3 Ringe im Aubildungstarif II gebraucht hat. Denn dieser beträgt 38 Euro im Monat, bei 6 Monaten also 228 Euro. Mit dem Semesterticket spart man sich in diesem Fall einen Euro pro Monat. Mehr als sechs Euro pro Semester sparen können also erst die, die bisher mindestens 4 Ringe bezahlt haben, Monat für Monat. Hier betrüge die Ersparnis immerhin schon 47,40 Euro im Semester. Für jemanden, der nur 3 Monate des Semesters in München verbringt, z.B. um nur Prüfungen mitzuschreiben, lohnt es sich gar erst ab 9 Ringen.
Solidarmodell – Was heißt hier solidarisch?
Doch was ist mit der anderen Hälfte? Richtig, das sind die, die den ganzen Spaß bezahlen sollen, indem sie künftig zwangsläufig mehr bezahlen als bisher. Man findet auf der Seite www.semesterticket-muenchen.de häufig das Wort „Solidarmodell“. Natürlich sollten Studenten generell solidarisch miteinander verbunden sein. Doch findet auch Solidarität ihre Grenzen, und zwar definitiv dann, wenn die eine Hälfte der Studenten die andere Hälfte finanzieren soll (die auch nur fast die Hälfte ist, siehe oben). Mit dem Beigeschmack, dass der MVV, also effektiv dessen Gesellschafter, daran mitverdient oder zumindest mit Null rausgeht, wie er selbst behauptet. Ist das solidarisch, dass der eine Student den anderen Studenten indirekt unterstützt, nur weil der eine in der Stadt wohnt, dort also eh höhere Lebenshaltungskosten hat, und der andere auf dem Land? Solidarität sollte doch heißen, dass eine breite Masse eine kleine Randgruppe unterstützt, und diese nicht fallen lässt. Oder auch umgekehrt, dass einige wenige Privilegierte eine breite Masse unterstützen, aufgrund ihrer höheren Leistungsfähigkeit.
Solidarität heißt nicht, dass innerhalb einer Gruppe wahllose Unterschiede wie der Wohnort gemacht werden, die dazu führen, dass die eine Hälfte die andere unterstützen soll oder muss.
Will man mit uns Studenten einfach nur mehr Geld machen? Vielleicht denkt man aber auch, man würde wirklich etwas Gutes tun. Man muss es sich noch einmal vergegenwärtigen: Das Ergebnis ist ab 20 Prozent Beteiligung bei der Abstimmung verpflichtend. Bei einem „Ja“ für das Ticket ist der Sockelbeitrag von 78,50 Euro im Semester verpflichtend. Der MVV kann mit diesem Geld also fix rechnen und planen. Weil man als Student meistens auch vor 18 Uhr zur Uni fahren möchte, werden die meisten auch die 143,50 Euro Aufpreis „freiwillig“ pro Semester bezahlen müssen. Denn eine zusätzliche Karte käme dann insgesamt noch teurer. Wir bezahlen dann dafür, um die zweifelhafte Freiheit zu haben, dass MVV-Gesamtnetz jederzeit nutzen zu dürfen. Nach dem Wollen fragt dann keiner mehr. Daher kann man zur derzeit laufenden Abstimmung tatsächlich nur den Rat geben, der in der schriftlichen Einladung zur Abstimmung auch groß geschrieben steht:
Mach mit bei der Abstimmung – es geht um dein Geld!
Und zwar wirklich nur um deins! Um das Geld der zahlreichen Unterstützer, quer durch alle Lager (Parteien, Gewerkschaften, MVV, MVG, usw., sehr schön nachzulesen auf www.semesterticket-muenchen.de) geht es sicher nicht.
jungesmünchen.de bedankt sich bei Michael E. für diesen subjektiven Meinungs-Beitrag. Michael ist selber Student an der LMU München.
Photo: rudolf_schuba under cc

Keine Kommentare
Kommentieren
Du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.