Vor vielleicht zehn, fünfzehn Jahren besaß noch kaum jemand eines dieser stetig immer kleiner und immer raffinierter werdenden Dinger, heute jedoch erntet jeder, der von sich behauptet, keines zu besitzen, so ungläubige Blicke, als käme er von einem anderen Stern, oder zumindest aus dem allerletzten Kuhdorf.
Während alles noch im ansehnlichen Ziegelstein-Format begann, bei dem die zusätzlichen zwei Kilo sicherstellen konnten, dass man das (ge)wichtige Stück nicht so leicht verlor, muss man heute schon darauf achten, dass es nicht einfach auf Nimmerwiedersehen in irgendeinem Abflussrohr verschwindet – und das wäre für die meisten inzwischen mehr als nur der Verlust eines tragbaren Telefons.
Mit den Jahren hat der immer neue Schnickschnack, den die Handies mit sich bringen, sie zu einem bedeutenden Statussymbol werden lassen, vor allem unter den Jüngeren. Die älteren Semester dagegen neigen eher dazu, diese Einstellung zu belächeln, bevor sie sich abwenden und verbissen versuchen, doch noch zu verstehen, wie die Sache mit T9 und dem SMS-Verschicken funktioniert. Freilich haben wir alle einmal so angefangen, als Alkatel-Handies (besagte Ziegelsteine) noch aktuell waren. Als ein zwei Zeilen umfassendes Display schon als spektakulär angesehen wurde, mit dem SMS-Schreiben noch gut und gern fünf Minuten in Anspruch genommen hat, und als es so manchem noch stundenlanges Kopfzerbrechen bereitete, welche der maximal 10 speicherbaren SMS man löschen sollte.

Inzwischen hat sich dabei eine Menge geändert. Heute lassen sich nicht nur die 100 süßesten SMS des Angebeteten speichern, auch das Verfassen von Kurznachrichten hat sich zumindest unter den meisten von uns erheblich beschleunigt – es sei denn man gehört zu jenen, die eine Wissenschaft daraus machen und jedes Wort drei mal überdenken. Mittlerweile jedoch sind die damals noch in beinah poetischer Andacht verfassten SMS in aller Regel mehr und mehr zu kurzen und bündigen Nachrichten im Telegrammstil geworden; praktisch, aber dabei etwas unpersönlich. Bei den einen, weil ihnen ausgedehntes SMS-Schreiben einfach zuwider ist, bei den anderen, weil sie mit Hängen und Würgen versuchen, so viel wie möglich auf den 160 Zeichen zusammenzupferchen.
Doch ganz gleich ob abgehackt oder so ausführlich wie möglich, sind SMS und vor allem die ständige Erreichbarkeit für viele zu einer beinah selbstverständlichen Angelegenheit geworden.
„Mit Viva bist du nie allein”
…ist ein nicht gerade allzu origineller Werbespruch für günstige SMS, der wohl noch vielen von uns in den Ohren klingt. Aber ob originell oder nicht, es bleibt ein Slogan, der eindrücklich unser Bedürfnis nach Kontakt und Zugehörigkeit anspricht, der vermuten lässt, weshalb Handies für viele so wichtig geworden sind – ob sich dieses Bedürfnis durch Kurznachrichten wirklich befriedigen lässt, sei einmal dahingestellt.
Allerdings sind die urspünglichen Funktionen wie das Versenden und Kurznachrichten und natürlich Telefonieren heutzutage beinah in den Hintergrund getreten, was die Unzahl von Funktionen, die Handies besitzen, anbelangt. Wenn man bedenkt, was sie alles leisten können, ist es eigentlich nicht einmal mehr besonders erstaunlich, welchen Stellenwert sie inzwischen im Leben vieler eingenommen haben. Die gefragtesten Spiele lassen sich bequem darauf herunterladen, lustige Sprüche und sogar ganze Filme, wenn es nur der Umfang der Speicherkarte zulässt. Für viele ersetzen sie inzwischen MP3-Player, iPod und andere Musikabspielgeräte, oder doch wenigstens die lästige Armbanduhr. Und dann gibt es da natürlich auch noch eine Reihe von Dingen, mit denen Anbieter mit einem anscheinend nimmermüden Erfindungsreichtum wie zum Beispiel „Jamba“ und „Zed“ unsere Speicherkarten bereichern wollen – sehr zum Leidwesen einiger Mitmenschen, doch für so manchen eine unentbehrliche Spielerei.

Vom ultimativen Liebestest bis zum Rülps-Klingelton ist alles drin, sogar ein Feature, dass das kleine Teil lustvoll aufstöhnen lässt, wenn man nur auf die richtige Art und Weise über die Tasten streicht. Zugegeben, all dies sind wohl Dinge, die die Mehrzahl von uns resignierend den Kopf schütteln lässt, doch auch wenn es immer „die anderen“ sind, die so etwas haben oder toll finden, müssten viele von uns ehrlicherweise zugegeben, dass auch sie der eine oder andere Klingelton doch wenigstens zum Schmunzeln gebracht hat, so verrückt er auch sein mag.
Doch selbst wenn einen Klänge wie die vom besoffenen Elch oder dem süßen Schnuffel nicht gerade in Hochgefühle versetzen, bleibt trotzdem die Tatsache, dass die Handies auch im Leben nicht ganz so extremer Konsumsüchtlinge einen hohen Stellenwert eingenommen haben. Am besten lässt sich das feststellen, wenn einmal der Akku leer geworden ist und das Handy sich sang- und klanglos, meist im denkbar unpassendsten Moment, einfach abgeschaltet hat. Oder wenn man es einfach zu Hause vergessen hat.
Dann steht man auf einmal da, ohne Uhr, ohne Musik, ohne den handlichen Notizzettel, den man so gern benutzt, wenn gerade weder Papier noch Stift zu Hand ist. Dann schaut man auf einmal recht hilflos aus der Wäsche und zermartert sich das Hirn, für welche wichtige Sache man sich nochmal für diesen Tag auf drei Uhr eine Erinnerung gestellt hatte. Und man fängt wieder an zu überlegen, wie noch einmal die Telefonnummer vom besten Freund war. Besonders unangenehm ist eine solche Situation, wenn man sein Handy endgültig verloren hat – zum Beispiel im Abfluss, wie zu Anfang bereits angesprochen. Da wird man auf einmal wieder zu einem Notizblock-Besitzer, fängt wieder an, sich Telefonnummern von Hand zu notieren. Und muss schmerzlich feststellen, dass auch man selbst irgendwie, ganz unbemerkt und schleichend, zu einem von „den anderen“ geworden ist, für die das Handy zu einem nur sehr, sehr schwer wegzudenkenden Teil des Lebens geworden ist.
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2 Kommentare
Ich überlege mir schon seit längerer Zeit, mein ultracooles Telefonteil durch einen handlichen, runden, vom Wasser geschliffenen Kieselstein zu ersetzen. Der Stein wird schön langsam warm, hat die Hoseninnentemperatur und stört eigentlich nie. Es ist ein herrliches Gefühl, einmal nicht erreichbar zu sein, ich habe auch schon überlegt, in die zweite Hosentasche ein Messer zu geben, so ein edler Holzteil mit Korkenzieher, quasi als Gewichtsausgleich. Kostengünstig sind sie auch, die Hosensteine und es gibt auch praktisch keine Folgekosten.
G!C
ich hab mein Handy derzeit in Reperatur – habe also so gut wie keine Telefonnummern, tatsächlich.
Und dennoch habe ich einige Nummern immer noch im Kopf, so die Nr. meiner früheren besten Freundin, zu der ich seit ~ 7 Jahren keinen Kontakt mehr habe.
Die Numer meines früheren besten Freundes, die ich seit Jahren nicht mehr angerufen habe.
Und so einige mehr.
Aber es stimmt schon – irgendwie hatte ich mein halbes Leben in meinem Handy… Geburtstage, Nummern, Adressen, Arzttermine…
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so. mal sehen, ob hier überhaupt noch was lebt.
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