jungesmünchen.de begleitete Christian und Martina bei ihrem Versuch, das Laster vieler abzulegen: Rauchen. Warum es so schwer sein kann, es aufzugeben und wieso Zigaretten eine vollwertige Droge sind, erfahrt ihr in einer nikotinhaltigen Geschichte über Ängste, Probleme und den Lebensweg eines jungen Paares aus München.
Christian S. ist 25 Jahre alt. Zur Zeit arbeitet er als Grafiker in einer Münchner Multimedia-Agentur. Die Stelle hat er neu, sein Job macht ihm Spaß. Christian ist locker gekleidet, lässt sich einen Bart wachsen, auf seinem Kopf steht ein fünf Millimeter Maschinenschnitt. Das kreative Arbeiten am Computer ist seine Leidenschaft: Zu Hause bastelt er zur Zeit an einer makaberen Szene. Auf dem Bildschirm sieht man einen toten Säugling, der noch an der Nabelschnur hängt.
Sein Zimmer ist überschaubar. Man sieht, dass hier niemand mehr wirklich wohnt. “Ich schlafe eigentlich kaum noch Zuhause. Meistens bin ich bei meiner Freundin”. Die Wände von Christians Zimmer sind durchweg mit düsteren Postern und Bildern behängt. Man könnte fast meinen, an den Wänden lauert der Tod. “Das ist mein Geschmack”, erwidert er. “Und es hilft mir, meine Ängste im Griff zu behalten. Wenn ich so ein Bild wie das mit dem toten Baby entwerfe, dann geht es mir besser.” Düstere Gedanken lässt Christian am liebsten auf diese Art heraus. “Mir würde es schlechter gehen, wenn ich nicht so offen damit umgehen würde.”

> Viel erfreulicher schaut es in Christians Realität derzeit aus. Beruflich kann er mit dem, was ihm Spaß macht, Geld verdienen. Mit seiner Freundin Martina ist er jetzt zwei Jahre zusammen, schätzt Christian. Und vor drei Wochen hat er das Rauchen aufgegeben – zusammen mit Martina. “Zu verzichten und festzustellen, dass man durch den Verzicht noch glücklicher wird, das ist echt krass”, strahlt er.
Christian hat mit seinen 25 Jahren schon einiges hinter sich: “Ich habe früher jeden Scheiß genommen. Das ging vom Joint bis zur Line… Ich hätte nie gedacht, dass es so gut laufen würde.” Der Impuls, aufzuhören, kam von Christian. Auf Martinas Klagen hin hatte er die Chance genutzt und den mutigen Vorschlag gemacht: “Dann hörma halt beide auf!” Martina hat damit genau eine Woche durchgehalten. „Sie raucht wieder fast wie früher”, ärgert sich Christian. „Am ersten Tag war sie total hektisch und hat geflennt, als sie mit einer Freundin telefoniert hat, weil sie nicht rauchen konnte. Im Grunde macht sie es schon so lang wie ich, ungefähr zehn Jahre, aber viel krasser, es ging bis zu zwei Schachteln am Tag. Es ist einfach schon ein Teil von ihr.”

> Erst über den Joint ist Christian auf die Zigarette gekommen. „Das Problem ist, dass die Leute Drogen nur an einem Zustand festmachen”, stellt Christian fest. Rauchen hatte für ihn nichts mehr mit Genuss zu tun. Außerdem wollte er keine Zeit mehr damit verschwenden. „Zum Schluss habe ich, enn ich bei mir daheim war, den Tabak mit der Wasserpfeife durchgezogen. Das hat dann für ‘ne Stunde gereicht.” Nur zusammen mit seiner Freundin war Rauchen noch eine angenehme Beschäftigung.
Die Sucht seiner Freundin nervt ihn jetzt. Früher war das genau umgekehrt. Martina hatte sich im vergangenen Jahr wegen Christians Canabis-Konsums sogar kurzzeitig von ihm getrennt. Nur so hat er die Motivation gefunden, damit aufzuhören: „Das Gras hat mich zu einem anderen Menschen gemacht. Ich konnte nicht mehr Aufzug fahren, ich habe Depressionen bekommen.” Seitdem er nicht mehr kifft, kommt Christian besser mit seinem Leben zurecht. „Mein Gehirn funktioniert wieder, ich kann mich wieder daran erinnern, was ich vor fünf Minuten gesagt habe.”
Die damalige Drogenberatung, in die er gehen musste, hat ihm dabei garnichts geholfen, so Christian. „Ich war schon viel zu alt, um von dort noch Hilfe bekommen zu können. Dass seine Freundin von der Sucht nicht wegkommt, ärgert ihn um so mehr. „Ich weiß, dass sie es schaffen könnte. Beim Küssen ist es wie Aschenbecher auslecken.” Das Schlimmste ist aber meine Angst vor dem Tod.” Christian macht sich Sorgen um seine Freundin. Dieser Punkt alleine konnte ihn aber früher nie dazu bringen, die schädliche Leidenschaft abzulegen. Jetzt kommt die Lust auf den Glimmstängel nicht einmal mehr beim Feiern. Im Biergarten beim gemütlichen Zusammensitzen trinkt Christian dafür jetzt drei Bier, während andere noch beim Ersten sind.

> Auf die Frage, wie es jetzt mit Martina weiter geht, zieht Christian die Augenbrauen hoch und zuckt mit den Achseln – Er ist ratlos und will seiner Freundin Zeit geben. Und obwohl das Thema “Rauchen” inzwischen ein echter Streitpunkt der beiden geworden ist, versteht er seine Freundin ein Stück weit: „Sie hat schreckliche Angst, zuzunehmen”, räumt Christian ein. „Und viele nehmen ja zu, wenn sie auf‘s Rauchen verzichten. Ich würde sogar aufhören, Fleisch zu essen. Ich hab ihr schon angeboten, Sport mit ihr zu machen, nur noch gesund zu kochen. Jetzt redet sie sich ein, dass sie einfach noch nicht so weit ist.” Dazu kommt Martinas stressiger Job als Bankangestellte, erzählt er weiter. Christian will noch warten, bis er von sich ganz sicher sagen kann, ein Nichtraucher zu sein. Dann will er Martina noch einmal unter die Arme greifen.
Christian ist überzeugt, auch mit dieser Sucht abgeschlossen zu haben. „Ich hab so viele Sachen ausprobiert. Ich weiß einfach schon, wie es ist, aufzuhören. Martina sieht das Rauchen leider nicht als Droge. Und das ist das Problem. Das muss sie begreifen, dann gebe ich ihr gute Karten, dass sie es schafft.” Der Rausch alleine macht für Christian keine Droge aus. Wenn man sich das nicht bewusst macht, meint er, ist man nicht ehrlich zu sich selber. Er fügt hinzu: “Ich hab’ jetzt mit der für mich schlimmsten Droge aufgehört.”
Fotos: Thomas Bauer
Raucher-Statistik: www.infantologie.de
Dieser Beitrag hat folgende Tags: Abhängigkeit, Aschenbecher, Aufhören, Entwöhnung, Glimmstängel, Glimmstengel, Kippen, München, nie, Rauch, Rauchen, Sucht, wieder


2 Kommentare
In der Tat … leicht ist er nicht, der Weg zum Nichtraucher. Ich selbst bin Ihn vor zwei einhalb Jahren gegangen, nach 5 Jahren Raucherdasein und am Ende 2 Schachteln pro Tag hatte ich einfach die Schnautze voll. Wie ich es geschafft habe? 6 Monate zu jeder Kippe ein Glas eiskaltes Wasser runterschütten, dann nur noch das Wasser … und jede Menge Schokolade
Das Problem ist nur, zum Nichtraucher wird man nie wieder, man bleibt immer Ex-Raucher und damit Suchgefährdet… Dennoch viel Erfolg beim Aufhören, es lohnt sich (nicht nur finanziell) !!!
Finanziel hat mir das Aufhören nichts gebracht, ich hatte vorher kein Geld und auch jetzt nicht viel. Gesundheitlich habe ich 2 Kilo zugelegt und es geht mit besser, meine Mikrobronchits bin ich auch losgeworden.
Eingehende Links
Kommentieren
Du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.