Drei Münchner Autorinnen schreiben “Wir Alphamädchen”. Ein Buch über den Feminismus. Gegen den Schönheitswahn. Gegen die Pille. Für Pornografie. Für Selbstverwirklichung. Und vor allem nur mit den Männern.
Danke Eva Hermann. Nein, das ist kein Witz. Und auch keine sarkastische Feststellung. Danke für Sätze wie “Es ist die Frau, die in der Wahrnehmung ihres Schöpfungsauftrags die Familie zusammen halten kann”, oder “Seit einigen Jahren verstoßen wir Frauen zunehmend gegen jene Gesetze, die das Überleben unserer menschlichen Spezies einst gesichert haben.” Anders ausgedrückt, sagen beide Sätze nichts anderes als:
“Frau, dein Platz ist am Herd und bei den Kindern! Frauen, oder besser gesagt der Feminismus ist schuld daran, dass die Deutschen aussterben.”
Aussagen wir diese sind im Grunde so bescheuert, dass man eigentlich nur darüber lachen kann und ihnen keinerlei Bedeutung schenken sollte. Doch genau das Gegenteil passierte letztes Jahr in Deutschland. Vor allem in den Medien war Eva Hermann oft Thema Nummer Eins. Und sie ist nicht die einzige mit derart steinzeitlichen Thesen. Bischof Walter Mixa oder Journalist Frank Schirrmacher vertreten ähnliche Meinungen.
Wenn auch ein paar deutsche Frauen Hermanns Aussagen unterstützen (diese sind sicherlich nicht die Mehrheit, aber trotzdem eine erschreckende Tatsache), so sind die meisten wohl eher empört und schütteln den Kopf. Und was ist die logische Antwort auf Frauenunterdrückung jeglicher Art? Genau, Feminismus. Und genau darum geht es in dem eben erschienenen Buch “Wir Alphamädchen- Warum Feminismus das Leben schöner macht” von Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl.
Diese unterscheiden deutlich zwischen dem von Vorurteilen geprägten Begriff Feminismus und ihrer teilweise neuen Form, die sie ausführlich in dem Buch darstellen. Denn die meisten Deutschen unter 30 assoziieren mit dem Begriff Feminismus nichts allzu Positives. „Die sind doch eh nur sexuell frustriert und totale Emanzen.“ Sprüche wie diese sind nicht nur niveaulos, man macht es sich so auch ziemlich leicht.“
Dennoch begründen die Autorinnen zumindest teilweise, wieso diese Vorurteile nicht komplett unbegründet sind. Feminismus verbindet man in Deutschland immer nur mit einer Person: Alice Schwarzer.
Im Gegensatz zu Amerika hatten wir nach dem Feminismus der 60/70er nie eine wirklich neue Bewegung. So denken wir immer noch an die alten Forderungen der Feministinnen von damals, an denen sich bis heute tatsächlich nicht viel geändert hat. Die drei Autorinnen grenzen sich ganz klar in einigen Punkten von Alice Schwarzer ab. Von ihrer PorNO!- Kampagne zum Beispiel, die grundsätzlich jegliche Form von Pornografie als frauenverachtend betrachtet und erreichen will, dass sie in Deutschland verboten wird. So ein Vorhaben ist heutzutage in Zeiten des Internets nicht nur unmöglich durchzusetzen, es wäre auch ziemlich schwachsinnig. In dem Kapitel “Sex” stellen die Autorinnen ausführlich dar, dass frauenfreundliche Pornografie natürlich auch für Frauen interessant sein kann.
Zu Zeiten des Internets wird es immer Pornografie geben.
Weiter verneinen sie, dass Frauen sich nicht schminken dürfen. Die 70er Jahre Feministinnen lehnten dies vollkommen ab, da man sich angeblich nur schminke, um den Männern zu gefallen.
Auch das Klischee, dass beim Sex der Mann grundsätzlich über die Frau herrsche, halten sie für totalen Quatsch. Alice Schwarzer und weitere “Alt- Feministinnen” haben nicht gerade wenig zu diesem Klischee beigetragen. Die Autorinnen rufen „Knaller-Sex für alle” aus und einen Feminismus, der nicht mehr so verkrampft mit diesem Thema umgeht.
Doch die wichtigste Abgrenzung zum Feminismus von damals ist wohl, dass er nicht mehr so männerfeindlich seien darf. “Es geht nur mit den Männern” und “Der neue Feminismus kämpft automatisch für die Männer mit, da er sich gegen jedes Geschlechter-Vorurteil richtet”, schreiben die drei.

Haaf, Klingner und Streidl meckern aber nicht nur über die bisherigen Prinzipien des Feminismus. Sie schätzen und würdigen ihn immer wieder sehr deutlich in ihrem Buch und stellen klar, wie unglaublich wichtig er gewesen ist. Ohne ihn gäbe es wohl heute keine Pille, kein Recht auf Abtreibung und vieles mehr. Auch ist es vor allem der Frauenbewegung zu verdanken, dass Vergewaltigung in der Ehe strafbar ist. Einer der erschreckenden Fakten dieses Buches: erst seit 1997.
Daten dieser Art, kleine Geschichten und Zitate machen die Thesen in “Wir Alphamädchen” etwas verständlicher und “logischer”. Man muss oft noch einmal lesen, um zu realisieren. Vieles wird sehr gut auf den Punkt gebracht.
- In dem Unterkapitel “Sie hätte es besser wissen müssen” geht es um Gewalt gegen Frauen: Das Wall Street Journal 2006 schrieb über eine New Yorker Studentin, die abends allein in einer Bar saß und auf dem Heimweg vergewaltigt und ermordet wurde: “Eine vierundzwanzigjährige hätte es besser wissen müssen” . Kopfschütteln bewirkt auch das Urteil im selben Fall: Italienische Richter lehnten 1999 eine Vergewaltigungsanklage ab, da das junge Mädchen zur Tatzeit Jeans getragen habe. “Die hätte ihr kein Mann vom Leib reißen können.”
- In dem Kapitel “Die Schönheitslüge”: Die Zahl der Schönheitsoperationen verdoppelte sich in den vergangenen Jahren. 2007 ließen sich zwischen 750000 und einer Million Deutsche (87 Prozent Frauen) operieren. Ohne medizinische Notwendigkeit.
- In dem Unterkapitel “Der Kampf auf unseren Körpern”: Jedes Jahr pumpt die Bush-Regierung bis zu 200 Millionen Dollar in Programme, die absolute sexuelle Abstinenz als einzige Verhütungsmethode lehren und sich über die Existenz von Pille und Kondomen ausschweigen.
- Im Kapitel “Augen auf die Welt, Baby”: Im November 2007 forderte Papst Benedikt XVI. katholische Apotheker weltweit dazu auf, keine Rezepte für die “Pille danach” mehr einzulösen. Sie sollten sich bei der Verweigerung auf Gewissensgründe berufen.
- In dem Kapitel “Macht”: In über der Hälfte der deutschen Familien bleibt die Frau zu Hause, solange die Kinder noch nicht in die Schule gehen. Nur fünf Frauen leiten Ressorts in den insgesamt vierzehn Bundesministerien. Es gibt derzeit keine einzige Ministerpräsidentin. Ebenso in der Wissenschaft: Nur 9,2 Prozent der Spitzenprofessuren werden von Frauen besetzt. Ein Vorstandsmitglied der dreißig DAX- Unternehmen ist weiblich.
Sehr interessant wird es in den letzten beiden Kapiteln “Demografiedebatte” und “Macht”. Die drei Autorinnen begründen, wieso die Demografiedebatte, die in den letzen Jahren in Deutschland entflammt ist, sogar von Demografen für sinnlos gehalten wird (diese sagen, dass es zum Beispiel für das deutsche Wirtschaftswachstum überhaupt nur eine minimale Rolle spiele, wie viele Kinder geboren werden).
Es ist aber tatsächlich so, dass Frauen in den letzten Jahren verstärkt aus dem Beruf aussteigen, um sich alleine der Kinderbetreuung zu widmen. Dass sie damit aber wohl nicht so glücklich sind, zeigt eine Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts München im Jahr 2002: Vier von fünf jungen Vätern fühlten sich in keiner Weise beruflich oder sonst wie eingeschränkt, während vier von fünf Frauen sagten, dass sie ein Männerleben für besser und schöner hielten und das Leben einer erwerbstätigen Mutter dem Hausfrauendasein vorzögen.
Was in dem Buch leider nicht genug betont wird, ist, dass auch Männer durch diese Tatsache langfristig gesehen manchmal Nachteile ziehen. Oft stellen Männer zum Beispiel am Ende ihres Lebens fest, dass sie viel mehr für die Familie hätten da sein wollen und viel zu viel Zeit mit im Job verschwendet haben. Doch Rollenklischees wie der Mann wäre ein Weichei, wenn er auch mal auf die Kinder aufpasst, welche sich in unserer Gesellschaft immer noch halten, stellen ihn unter Druck, der Geldverdiener sein zu müssen.
Die drei Autorinnen betonen grundsätzlich, dass die Männerwelt vom Feminismus auch sehr stark profitiert. Sie nennen auch hier und da ein paar Beispiele, hätten aber oft ruhig noch genauer darauf eingehen können. So stellt sich auch die Frage, wieso das Buch so wirkt, als wäre es eher für Frauen geschrieben. Es wimmelt von Imperativen, wie Geht wählen! Sagt nein!, Verbündet euch mit den Männern!. Aus dem Grundsatz heraus, dass es beide Geschlechter betrifft, hätte es sich auch mehr an die Männerwelt richten sollen. Denn Feminismus sollte eine Bewegung sein, für die nicht nur die Frauen kämpfen. Das betonen die drei Autorinnen eigentlich auch immer wieder, indem sie ihn laut Encyclopedia Britannica definieren:
“the belief in the social, economic and political equality of the sexes.”
Sie benutzen sehr viele Trendwörter wie cool oder geil, was zwar den Text ziemlich jugendlich wirken lässt, aber eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Es wirkt, als hätten die drei Autorinnen gedacht, dass sie so besser ankommen und ein breiteres Spektrum an Leuten finden, die ihr Buch lesen. Dass der neue Feminismus cool und sexy sein kann, glaubt man ihnen auch so. Und mehr Glaubwürdigkeit bekommt man durch derartige Trendwörter sicher nicht.
Richtig glaubwürdig sind die drei besonders im letzten Kapitel “Macht”. Hier werden konkrete Vorschläge angeboten, wie die Chancengleichheit im Beruf erreicht werden kann. Es wird immer wieder drauf hingewiesen, nicht klein bei zugeben, wenn man weniger verdient als männliche Kollegen, obwohl man den selben Job hat. Denn in Deutschland verdienen Frauen im Durchschnitt 20 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Des weiteren wird beschrieben wie man Elterndasein und Beruf am besten vereinbart. Es wird auch auf die unterschiedlichen Arten der Machtausübung von Frauen und Männern eingegangen und Tipps gegeben, wie man als Frau ‘Macht’ mehr nutzen kann (indem man zum Beispiel versucht die Zeit nicht mit unnötigen Fleißaufgaben zu verschwenden, sondern lieber wichtige Kontakte knüpft). Außerdem gibt es hier auch noch eine kleine Geschichte des Feminismus und Einssichten in die Situation auf der restlichen Welt.
Man spürt die Wut der drei Autorinnen. Die ist sehr verständlich und man lässt sich oft leicht davon anstecken. Doch dass dieser wütende, kämpferische und jugendliche Schreibstil nicht allen Lesern gefällt und manchmal etwas zu viel werden kann, ist klar. Das “wir” in dem Buch ist ebenfalls oft etwas zu viel: Wir müssen auf unsere Rechte bestehen. Wir wollen die absolute Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs. Wir schlucken keine Hormone.
Gegen die Pille
Und apropos “Wir schlucken keine Hormone”: Die Drei begründen, wieso die Pille nicht das Verhütungsmittel der Wahl sein sollte, da sie viel zu viele Nebenwirkungen habe, wie Verlust der Libido oder Thrombosegefahr. Es ist angenehm auch mal etwas Kritik über die Pille zu lesen, schließlich machen sich tatsächlich die meisten keine Gedanken darüber, dass ihr Körper durch Hormone fremdbestimmt wird. Aber die Pillenkritik der Drei ist etwas einseitig. Sie sind für Kondome und betonen nicht einmal kurz die Vorteile, die die Pille hat. Auch gehen sie auf andere Verhütungsmethoden gar nicht ein.
Über den Titel des Buches kann man ebenfalls streiten. “Wir Alphamädchen” ist wohl eher nicht so ernst gemeint und wird in dem Buch auch nicht oft aufgegriffen. Betrachten wir ihn einfach als einen kleinen Witz. Aber wie kommt man darauf, so ein Buch zu schreiben?
Auf der Lesung am 05.04.08 in den Münchner Kammerspielen im Rahmen der „Nachtlinie“ gaben die drei Münchnerinnen Antworten auf Fragen, diskutierten und lasen natürlich etwas vor. Alle drei sind Journalistinnen und zwischen 25 und 35 Jahren jung. Haaf ist 25 und studiert Geschichte und Philosophie. Klingner hat in Leipzig Politologie und Journalistik studiert. Und Streidl, die bereits Mutter ist, studierte Germanistik und Komparatistik. Eigentlich seien sie schon immer Feministinnen gewesen, erzählt Klingner, sie haben sich nur nie so bezeichnet. Erst als sie sich mit dem Thema beschäftigt haben, wurde klar: Sie wollen etwas ändern und denken, dass Frauen noch lange nicht “alles erreicht haben”.
Viele junge Frauen sind zu Lesung gekommen und fast jeder Platz war besetzt. Nach der Lesung wurden zwar auch Fragen gestellt wie “Was wollt ihr denn jetzt eigentlich sagen?”, hauptsächlich scheint das Buch aber sehr positiv aufgenommen worden zu sein. Sie erzählen interessanter Weise noch von Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben. Streidl ist seit langer Zeit Kontrabass-Spielerin in einer Band und es kam oft vor, dass eher über die Merkwürdigkeit einer Frau am Kontrabass berichtet wurde, als über ihre Musik. Diese und viele andere Geschichten machen die Frauen sehr sympathisch. Sie erzählen außerdem von ihrem feministischen Blog mädchenmannschaft.net, auf dem sich schon manch kritische aber auch viele dankbare Leser geäußert haben.
Und ich sage auch danke. Danke Eva Hermann. Nein, das ist kein Witz. Und auch keine sarkastische Feststellung. Unter anderem durch Ihre Äußerungen gibt es einen neuen Feminismus. Es wurde auch Zeit! “Wir Alphamädchen” ist ein sehr interessantes, kämpferisches Buch. Auf alle Fälle lesenswert und hoffentlich im wahrsten Sinne des Wortes bewegend.
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Ein Kommentar
3 Alphaweibchen würden alles tun, um dem schönsten und kräftigsten Rüden zu gefallen, denn nur er hat das Recht, sie zu decken. Es ist halt so im Hundeleben; wobei die Anzahl der Beine der läufigen Hündinnen bei uns in München eine frei definierbare Zahl zu sein scheint, die allerdings durch 2 teilbar ist.
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